Sebastian Böhm
 
 
 

 
Sebastian Böhm: Memory
Malerei als Erinnerungsleistung

Wir neigen dazu, zu sehen, was wir wissen. So sehen wir oft nicht, was wir sehen. Und wir wissen nicht, wie wir sehen. Obwohl uns jedes Bild diese Fragen geradezu aufzwingt: Was sehen wir, und wie sehen wir es?
Sehen wir, dass Sebastian Böhm ein Bild zweimal gemalt hat? Oder sehen wir, dass er zwei Bilder gemalt hat, von denen sich behaupten ließe, dass sie sich nicht sehr voneinander unterscheiden?

Wir sehen in diesen wie in allen anderen Bildern zuerst Form, und wir sehen Farbe; mehr sehen wir nicht. Jedoch blieben wir ratlos, könnten wir dem nicht Gestalt zuordnen, könnten wir uns keinen Begriff davon machen, könnten wir nicht das Gesehene benennen, als Etwas wiedererkennen. Eine Landschaft, ein Waldstück, der Nachklang, den eine Figur hinter unseren Lidern hinterlässt, wenn wir die Augen schließen.

Stets aber überdeckt die Frage nach dem "Was" die damit verbundene und doch so wichtige: Wie ist es? Es ist diese Frage, auf die die Ähnlichkeit verweist, das nahe Beieinander der zehn Bildpaare, aus denen sich in der Arbeit "Memory" ein großformatiges Waldstück zusammensetzt. Die in jedem Arbeitsschritt parallel zueinander entstandenen Bilder führen uns im eigentlichen Sinne vor Augen, wie und wieso wir erkennen, was wir sehen. Oder wieso nicht. Ist der Baum auf dem einen Bild tatsächlich derselbe wie der auf dem anderen? Und ist der Baum wirklich der Baum, oder ist es der Hintergrund?

Deuten wir die Zeichen im Bild, indem wir sie mit unseren Vorstellungen abgleichen, mit dem, was aus der Gesamtheit unserer Erinnerungen als Muster sich herauskristallisiert hat, dann wird gegenüber diesen Arbeiten schnell klar: Der Abgleich erfolgt gewöhnlich in einem sehr groben Raster. Statt genau hinzusehen, statt uns mit der Frage zu beschäftigen, wie etwas beschaffen ist, folgen wir nur allzu gern einem Vor-Urteil. Beziehungsweise einem Vor-Bild. Zum Beispiel einem, das gleich daneben hängt. Wir können als Betrachter kaum anders, als diese Paare zu bilden, so wie Sebastian Böhm selbst kaum anders kann. Auch er ist schließlich Betrachter. Der sich, wenn er einen Birkenstamm malt, nicht an einem speziellen Baum in einem besonderen Augenblick orientiert. Als Maler folgt er einem Vor-Bild, verstanden als Erinnerung an Wahrnehmung, und er folgt der Wahrnehmung, verstanden als Auswahl des Gesehenen. Um so mehr muss er sich freimachen von dem Wissen, das er vom Aussehen eines Birkenstamms hat. Um nicht das Aussehen aus dem Blick und um nicht das Wahrgenommene aus der Erinnerung zu verlieren.

So entspricht das Bild, oder besser, Böhms Malerei der Wahrnehmung auch in dem Sinne, dass immer nur besondere Aspekte aus der großen Menge des Erinnerten hervorgehoben, ins Bild gesetzt werden. Etwa, wie das Gegenlicht durch eine Astgabel fällt oder Birken nicht weiß sind. Andere werden vernachlässigt, man kann sie sozusagen vergessen, ohne dass das Wesentliche der Erinnerung dadurch Schaden leidet.

Die Arbeiten von Sebastian Böhm tragen so den Bedingungen der Wahrnehmung Rechnung. Sie sind ein Spiel mit unserer und der Erinnerung des Malers. Sie sind die Suche nach einer Verbildlichung nicht allein des Wahrgenommenen, sondern ebenso der Wahrnehmung selbst.

 
Michael Ort, Stuttgart: Memory - Malerei als Erinnerungsleistung, Städtische Galerie Kloster Karthaus, Konz, 6. März 2008

 
         
27.08.2019 17:17:21 © Sebastian Böhm, 2019